Freischwimmer – Seatrekking

Freischimmer

„Rückwärts geht es immer gerade, daher ist es besser, du lässt das Ruder so, dass beim Vorwärtsfahren alles schon in die richtige Richtung geht. Zurück, Leerlauf, warten, nach vorne korrigieren und so kommst du rein“.

 

Konzentriert, mit hochrotem Kopf, die nackte Angst in den Augen, so versuche ich gerade den Kormoran zu bändigen. Ich, das ist Nik Linder, Apnoetaucher und eigentlich bekannt dafür, einen langen Atem zu haben und auch in herausfordernden Situationen entspannt zu bleiben – was mich bereits in den ersten Minuten meiner Tour auf der Müritz ans Limit bringt.

Die Kormoran 1290 namens „Strelitzie“ ist ein Hausboot der Firma Kuhnle-Tours mit Platz für 6-9 Personen und mit ziemlichen Ausmaßen. Ralf, Mitarbeiter der Firma, weist mich im Umgang mit dem Schiff ein. Führerscheinfrei darf man auf der Müritz und den anderen Seen umher fahren, ankern, Schleusen benutzen, ablegen und – was ich gerade versuche –  anlegen. Wenig später sind die Schweißperlen verschwunden und die Kormoran liegt mustergültig vertäut im Hafendort Müritz in Rechlin. Nach der praktischen Fahrstunde und einer theoretischen Einweisung in Schilder, Bojen und Vorfahrtsregeln darf ich nun eigenverantwortlich die Müritz entdecken.

Als Ralf mir zum Abschied viel Spaß wünscht, genieße ich noch eine Stunde der Ruhe, bis der Rest der Mannschaft kommt. Es sind vor allem Sportfreunde aus dem Apnoetauchen und dem Seatrekking. Apnoetauchen bedeutet, mit einem Atemzug zu tauchen. Entspannung, Ruhe, Meditation und Atemtechniken spielen dabei wichtige Rollen. Wer besser atmet, kann länger tauchen, wer sich besser auf sich konzentrieren kann, kann länger tauchen, wer entspannt bleibt und somit einen niedrigen Puls hat, der kann diese Fähigkeit wunderbar in den Alltag integrieren um auch dort ausgeglichener zu sein.

In den letzten Jahren war ich sehr viel als Reiseleiter auf Tauchschiffen unterwegs, vor allem an exotischen Plätzen wie der Südsee, den Bahamas, dem roten Meer und vielen weiteren wunderschönen Orten, an denen man die Natur und vor allem die Tierwelt, hauptsächlich unter Wasser genießen kann. Als Apnoetaucher kommt man den großen Tieren der Ozeane nahe. Da nicht geatmet wird, stören die Ausatemgeräusche wie beim Gerätetauchen die geräuschempfindlichen Tiere nicht. So kann man sich als Apnoe- oder Freediver Walen, Haien und Mantas sehr viel leichter nähern. Okay, so exotische Tiere haben Müritz & Co nicht im Angebot, aber in den letzten Jahren habe ich auch immer wieder erkannt, dass alle diese Reisen einen hohen Preis haben, den ich nicht mehr zahlen möchte. Fernreisen sind für mich vor allem anstrengend geworden. Der Flugstress, die hohen Erwartungen der Teilnehmer an die „Once-in-a-lifetime- Reisen“ und nicht zuletzt die Trennung von der Familie, wenn ich für ein Ziel wie Polynesien wieder mehrere Wochen unterwegs sein muss, weil sich Reisen zu derart fernen Destinationen sonst nicht lohnen. Nachdem ich während der Coronazeit nicht reisen durfte, habe ich einerseits gemerkt wie schön die Natur in unserer Umgebung rund um Freiburg ist und andererseits festgestellt, dass die Menschen, die bei mir zuhause leben, eigentlich ganz nett sind. Ich wollte daher mehr Zeit mit meiner Familie verbringen, aber trotzdem coole Sachen machen.

So bin ich bei einem meiner Ausflüge während der Corona Pandemie mit meinem Auto einen Teil des Bodensees entlang gefahren. Ich wusste, dass es viele Menschen gibt, die den Bodensee schon einmal durchschwommen haben, nicht nur in der Breite, sondern auch in der Länge. Aber hatte schon jemand den Bodensee schwimmend umrundet? Der Bodensee hat einen Umfang von 273 Kilometern – sicherlich würde man nicht jeden Zentimeter umschwimmen müssen, aber knappe 200 Kilometer würden es schon sein. Und so kam es, dass ich 2022 in 20 Tagen den Bodensee umrundete – fast komplett alleine und ohne Support als erster Mensch überhaupt. Möglich war das nur, weil ich das Ganze als Seatrekking Projekt durchgeführt hatte.

Beim Seatrekking wandert man auch an Land, hauptsächlich aber im Wasser. So entdeckt man die Küstenlinie schwimmend, schnorchelnd und freitauchend. Die Wanderung führte mich bis dahin meistens an Küstenlinien am Meer entlang, so dass sich die Eindrücke über Wasser unter Wasser fortsetzten und das Ganze zu einem 360-Grad-Erlebnis machten. Solche Abenteuer müssten doch auch in meiner Heimat möglich sein! So einfach war das am Bodensee dann doch nicht. Durch die Begleitung des Fernsehsenders SWR wurde das Projekt bekannt und so machte sich recht schnell Widerstand am Bodensee breit: Ich würde verborgene Pfahlbauten zerstören, die Vögel der Schutzgebiete erschrecken und vieles mehr. Aussagen, die mich erstaunten, als ich im September 2022 tatsächlich dort unterwegs war und mir zwischen vielen Booten, Wassersportlern, Anglern und vielem mehr meinen Weg bahnte. Bei all den Menschen, sollte ausgerechnet ich das Problem sein? Ich, der im Einklang mit der Natur durch den See schnorchelte? Dabei gehört „Leave no trace“ zwingend zur Philosophie des Seatrekkings – keine Spuren hinterlassen und die Natur nicht stören. Es freute mich schon am ersten Tag hier an der Müritz das Gefühl zu haben willkommen zu sein. Hatte ich am Bodensee den Eindruck, dass alles, was ich tue eher stört, schien hier erstmal alles kein Problem zu sein.

 

Nach und nach trudeln alle Teilnehmer unserer Tour ein, die Leinen werden gelöst und die Reise geht los. Die erste kurze Etappe soll uns an die kleine Müritz bringen, wo wir am selben Abend noch ankern und den Tag beschließen möchten. Es ist Mitte Mai und im See nicht viel los. Wir haben einen einsamen Ankerplatz gefunden und heizen den Grill auf. Darauf finden sowohl Steaks, Würstchen sowie Grillkäse für die Veggie-Fraktion Platz. Satt und entspannt genießen wir die letzten wärmenden Sonnenstrahlen an Deck und beobachten Adler, die immer wieder ins Wasser hinein stoßen um Fische zu greifen. Morgen werden wir das Naturerlebnis um eine Perspektive erweitern, in dem wir schnorchelnd und freitauchend die Natur entdecken.

Selten so gut geschlafen. Die Kojen bieten ausreichend Platz und sanft schaukelnd und voller Eindrücke des ersten Tages bin ich gestern eingenickt. Gottseidank schnarcht Thomas, mein Zimmerpartner, nicht. Wie auch zuhause bin ich früh wach und mache erstmal Kaffee. Die Sonne geht auf und mit ihr höre ich den Kuckuck rufen. Ich bin zwar ein Morgenmensch und sobald die Augen offen sind, sofort wach und gut drauf. Doch wenn man häufig als Reiseleiter mit Gruppen unterwegs ist, nutzt man jede Minute die man haben kann für sich und gerade die frühen Minuten am Morgen sind besonders schön. Ein neuer Tag beginnt, was wird er wohl bringen?

Nach dem Frühstück bereiten wir unsere Seatrekking Taschen vor. Eigentlich passt dort alles rein, was man zum Überleben braucht. Meistens ist man drei, bis vier Tage unterwegs und die Tasche enthält Kochzeug, Nahrung, Wasser, Kleidung, Isomatte und Schlafsack. Ein Zelt findet sich aus mehreren Gründen nicht darin. Einerseits fehlt der Platz, auf der anderen Seite ist wildes kampieren in Deutschland und in vielen anderen Ländern nicht erlaubt, biwakieren hingegen meistens geduldet. Gegen Regen hilft ein „Tarp“ – eine Plane, die man abspannen kann, hauptsächlich schützt aber der wasserdichte Biwak-Überzieher vor Feuchtigkeit. In den letzten Jahren habe ich immer wieder gemerkt, dass dieses vollständige Outdoorerlebnis wenige Anhänger hat. Ein Tag in der Natur ist ja ganz schön, aber die Nacht umringt von Krabbeltieren und vielleicht sogar im Regen, das ganze ohne Dusche und Toilette? Nicht jedermanns und jeder Frau Sache. Die Kombination aus Naturerlebnis beim Schwimmen und Schnorcheln, sich abends aber in ein warmes Bett zurück zu ziehen, scheint perfekt zu sein.

 

In unsere Taschen muss heute nicht so viel rein. Kleidung für eine Erkundung an Land, Proviant und etwas zu trinken. Die Tasche wird mithilfe einer flexiblen Leash hinterhergezogen. Heute sind die Taschen leicht und die Strecke mit wenigen Kilometern recht kurz. Aber auch wenn es Strecken von acht bis zehn Kilometer sind, spürt man das Gewicht der Tasche beim Schwimmen kaum, selbst wenn sie voll bepackt sind. Wir ankern unsere „Strelitzie“ und gleiten einer nach dem anderen ins Wasser. Heute wollen wir durch einen engeren Kanal zu einem See schwimmen. Der Kanal ist zu eng und für unser Hausboot ist die Durchfahrt verboten. Das Wasser ist mit 15 Grad zwar kühl, aber unsere 5-mm-Neopren-Anzüge schützen uns perfekt. Leider ist die Sicht weniger gut und aus der Erkundung unter Wasser wird nicht viel. Das Schwimmen oder Schwimmwandern macht trotzdem Spaß und sorgt sofort für eine ausgeglichene Ruhe im Kopf. Es tut gut, sich im Wasser zu bewegen und umgeben von Schilf und Wasservögeln aller Art eine neue Umgebung kennen zu lernen.

An einem Bootshaus nutzen wir den Steg, um das Wasser zu verlassen und die Umgebung zu erkunden. Die Faszination Seatrekking macht auch aus, dass man in Gegenden kommt, wo man nur schwer mit dem Boot oder zu Fuß hinkommen kann. Wir entdecken Kraniche und sogar Emus – eines ist klar, was Vögel angeht muss sich die Müritz nicht vor exotischen Reisezielen verstecken, ein Ornithologe bekommt hier wahrscheinlich feuchte Augen. Bald brechen wir wieder auf und schwimmen zum Boot zurück.

 

Die kommenden Tage verbringen wir mit Schwimmen, wandern, Vögel beobachten und genießen das Umherfahren mit der „Strelitzie“. Es fehlt uns nichts: Haben wir Lust das Boot zu verlassen, legen wir an und machen einen Spaziergang oder gehen in einem der Cafés am Hafen einen Kuchen essen. Mit jeder Minute am Steuer bekomme ich mehr Routine im Umgang mit dem Hausboot.

Die Ruhe und entspannte Stimmung hat sich auf uns alle übertragen. Wir schwimmen an Land, um dort in der Natur Atem- und Entspannungsübungen zu machen. Doch irgendwann muss ich die „Strelitzie“ wieder in den Heimathafen in Rechlin schippern und den Gashebel endgültig auf „Neutral“ stellen. Bis alles im Auto verpackt und wir uns alle verabschiedet haben dauert es noch einen Moment. Dann geht es mit dem Auto wieder Richtung Heimat. Die weite Strecke ins badische Freiburg läuft eigentlich gut, kaum Stau und ich komme ganz gut voran. Aber eben nur „eigentlich“, könnte man die Strecke nicht auch entspannt auf … zum Beispiel einem Hausboot und entlang von Flüssen zurücklegen?

 

Über den Autor :

Nikolay „Nik“ Linder ist Apnoetaucher, Atemtrainer, Autor und begeisterter Schwimmer und Seatrekker. Als erster Mensch überhaupt hat er den Bodensee schwimmend und ohne Support umrundet. In seiner aktiven Apnoekarriere hat er mehrere Weltrekorde, darunter Rekorde im Streckentauchen unter Eis gebrochen. Die von ihm entwickelte Entspannungsmethode „Relaqua“ kombiniert Techniken aus dem Apnoetauchen, der Achtsamkeitsmeditation und den Atemtechniken aus dem Yoga. Kommendes Jahr wird er wieder mit einer Gruppe in der Müritz unterwegs sein und Schnorcheln, Freediving, Wandern, Seatrekken und Yoga machen.

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