Törn-Bericht: Tour mit der Motoryacht „Wilde Hilde“

Ein Törn-Bericht von Christian Greisinger

Diesen Törn-Bericht stellte uns freundlicherweise unser Charter-Gast Christian Greisinger zur Verfügung. Vielen Dank dafür und viel Spaß beim Lesen!

„Morgenstund‘ hat Gold im Mund!“ – Wenn um 4 Uhr der Wecker läutet, ergänzt man gern den Zusatz „Wer länger schläft, bleibt auch gesund!“ Nichtsdestotrotz heißt es aufstehen, um vor den großen Berufsverkehren zügig in den Nordosten der Republik, genauer nach Zehdenick in den Ortsteil Mildenberg, zu gelangen. Bei der Umfahrung von Berlin, in der Nähe von Nauen steht das Schloss Ribbeck. Genau das Ribbeck vom Ribbeck von Ribbeck im Havelland. Der mit dem Birnbaum. Interessant! Über das Schloss Meseberg – heute das Gästehaus der Bundesregierung (gemeinhin wird gemunkelt, dass nicht gern in Berlin gesehene Staatsgäste hier abgefertigt werden, was allerdings laut den Anliegern ein reines Gerücht ist) – fahren wir nach Oranienburg, wo wir im dort ansässigen Kaufland einen Zwischenstopp einlegen, um die vergessenen Handschuhe für das nasse Tauwerk am Schiff noch kaufen.

Jetzt aber ab in den Ziegeleihafen nach Mildenberg. Dort erwartet uns schon ein Mitarbeiter, der uns in das Boot einweist, alle erforderlichen Unterlagen aushändigt und mit uns eine Probefahrt auf der „Wilden Hilde“, die für die nächsten zwei Wochen unser Heim sein wird, zu unternehmen. Alles erfolgreich erledigt, wir fahren noch zu Lidl und bunkern Proviant für die ersten Tage an Bord. Dann geht’s los. Aber erst noch im sicheren Hafenbecken ein paar Manöver üben: ablegen, anlegen, rückwärts fahren, wenden auf engstem Raum. Das alles hat mir mein Fahrlehrer empfohlen. „Neues Schiff – neue Regeln – neue Bedienung“. Es sollte sich bewahrheiten. Aber nach ein paar Übungen läuft es gut, und wir können ablegen. Ab auf die „Obere-Havel-Wasserstraße“ gen Süden. Für heute haben wir keine große Tour mehr geplant, es geht nur bis Liebenwalde, dort wollen wir übernachten. Nach einer halben Stunde Fahrt kommt das erste Hindernis. Eine Selbstbedienungs-Schleuse. „Ach, da ziehn’se den jrünen Hebel, warten, fahr’n rinn, drinnen wieder den Jrünen ziehn, und warten. Fahrn’se mir das Schiff nich kaputt!“ Klare Anweisung bei der Einweisung. Also: vorsichtig am Sportbootanleger vor der Schleuse anlegen, den grünen Hebel kurz umlegen, auf der Anzeige erscheint „Schleusung wird vorbereitet“. Passt. Der erste Schritt ist geschafft. Dann öffnen sich die Schleusentore. „Bitte rechts anlegen“ ist zu lesen. Also wieder ablegen, in die Schleuse einfahren, an geeigneter Stelle festmachen, grünen Hebel kurz umlegen, warten. „Schleusung wird vorbereitet“ – „Tore schließen“ – „Talschleusung läuft“; das Boot vorne und hinten gut mit den Leinen gesichert geht es gen Tal. Ziemlich schnell. Man unterschätzt gern die Strömungen, die in einer Schleuse vorherrschen. Die Tore öffnen sich. „Bitte ausfahren“ steht auf der Anzeige an der Schleuse. Gesagt, getan. Es geht weiter nach Süden. Bei der zweiten Schleuse müssen wir warten, da gerade eine Gegenschleusung (also da will doch tatsächlich einer gen Norden mit seiner Yacht) läuft. Pünktlich zum Sonnenuntergang kommen wir in Liebenwalde an, wo uns auch schon der Hafenmeister in Empfang nimmt, und uns alles erklärt. Er merkte schnell, dass wir Anfänger sind, und deshalb gab er uns ein paar Tipps mit auf den Weg: „Wenn’se bei der Schleuse anrufen: Freundlich sein! Sonst warten’se auch mal zwei, drei Stunden auf ´ne Schleusung. Passen’se bei der nächsten Schleuse auf! Da is der Anleger für Sportboote auf der linken Seite. Fahrn’se rechts ran, kriegen’se Ärger mit den Blauen [Wasserschutzpolizei], dann zahln’se erst mal!“ Klare Ansage. Wir bekommen Landstrom über die Steckdose, den Zahlencode für Dusche & Toilette an Land und entrichten unser Entgelt für die Übernachtung. Es gibt nur eine Brotzeit, der Tag war anstrengend und keiner hat Lust, etwas zu kochen. Gute Nacht!

Am nächsten Morgen geht es früh weiter. Über den Malzer Kanal und das Havel-Oder-Dreieck auf den Oder-Havel-Kanal. Dort sehen wir zum ersten Mal große Frachtschiffe und Schubverbände. Beeindruckend, unsere 8,60m Wilde Hilde neben einem 125m Schubverband aus Stettin oder Breslau, der Steinkohle nach Berlin in die Kraftwerke schippert. Auf einem laaangen geraden Stück Kanal beschließen wir, das Monstrum zu überholen. Also etwas schneller als erlaubt vorbeiziehen. Was will man machen, die erlaubte Höchstgeschwindigkeit beträgt 9 km/h, das Schiff bringt maximal 14 km/h, es ist etwas beengt und die Wasserschutzpolizei könnte jeden Moment hinter der nächsten Kurve stehen. Also gemütlich dran vorbei. Nach guten zehn Minuten war es auch schon geschafft! Aber schon an der Schleuse – diesmal keine Selbstbedienungs-schleuse, sondern mit Personal – durften wir warten. Natürlich hat die Berufsschifffahrt Vorrang und mit dem Schubverband zusammen passen wir nicht in die Schleuse. Also anlegen und auf Meldung vom Schleusenwärter warten. Hinter uns haben sich noch zwei weitere Boote eingereiht, die ebenfalls unsere Richtung eingeschlagen haben. Es nähert sich ein Güter-Motorschiff, das in der Schleuse noch Platz für uns übrig lässt. Also dürfen wir nach dem Frachter einfahren. Die Schleuse hat an der Bergseite zwei gewöhnliche Schleusentore und an der Talseite ein Hubtor. Sehr imposant, darunter hindurchzufahren, nachdem die Schleusung beendet war. Wir kommen nach Oranienburg und machen uns auf, einen Spaziergang durch die Stadt zu starten, nachdem wir im Schlosshafen angelegt haben. Der Hafenmeister, ein sehr gesprächiger Berliner hindert uns vorerst daran. Er versorgt uns dafür mit den neuesten Neuigkeiten und entlässt uns dann Richtung Innenstadt. „Eine Frage noch: Wo finden wir denn den nächsten Supermarkt?“ – „Da drüben! Fressnapf!“ – Ungläubiges Staunen und gerade aufkommen wollender Protest unsererseits. „Lassen Sie mich doch ausreden! Die Jugend von heute. Tze tze tze. Also: Da drüben is der Fressnapf, da gehn’se noch weiter, dann sehn’se ne Norma, da koof icke immer ein.“ Dort füllen auch wir unsere Vorräte wieder auf und besichtigen das Schloss. Es beginnt zu regnen und wir beschließen, Richtung Wilde Hilde zu gehen, um im Trockenen die Reise fortzusetzen.

Am gewählten Übernachtungshafen für die kommende Nacht vorbei „weil es ja eh noch so hell ist, und wir es sicher bis zum nächsten schaffen“, fahren wir Richtung Tegeler See im Nordwesten Berlins. Nur leider hat uns die Dunkelheit doch eingeholt; zu allem Überfluss ist der Anleger am Tegelsee vollbesetzt und da es schon nach Sonnenuntergang ist, dürfen wir nicht mehr weiterfahren. Also ist guter Rat teuer. In der Theorie habe ich das Ankern gelernt, Zeit wird’s, es auch praktisch auszuprobieren. Eine Stille Bucht ist nicht mehr zu finden, also in der Nähe des Uferbereichs nach einem stillen Platz gesucht, Buganker setzen und den Wind das Schiff drehen lassen, wie er es haben möchte. Heckanker setzen und fertig. Es gibt Kartoffelsuppe, die wir bei Lidl für eben so einen Fall mitgenommen haben. Gute Nacht!

Frisch, fromm, fröhlich, frei – das ist mein Blick nach der Schiffsposition am nächsten Morgen. Der See liegt da wie ein Brett und die Wilde Hilde hat ihre Position nicht verändert. Gute Arbeit. Nach dem Frühstück werden die Anker gelichtet und die Fahrt fortgesetzt. Die Schleuse Spandau nehmen wir zwei alten Hasen mit links, und nehmen Kurs auf Potsdam. Unter der Glienicker Brücke hindurch, auf der zu DDR-Zeiten immer wieder mal Spione ausgetauscht wurden, geht es zu Aldi. Aldi in Potsdam hat einen eigenen Anleger für Schiffe. Also „ship & shop“. Allerdings ist es Aldi Nord. Nicht zu vergleichen mit „unserem“ Aldi. Aber man muss man angelegt haben und dort gewesen sein. Weiter geht es zum Yachthafen in Potsdam. Wenn man einkauft und verzehrt, sein Geschäft auf dem Schiff verrichtet, müssen die „gesammelten Werke“ auch mal wieder von Bord. Dies soll jetzt geschehen. Also beim Hafenmeister unseren Wunsch kundgetan, einen Wertchip zur Absaugung erstanden und noch kurz die Funktionalität erklärt bekommen („janz einfach, dit is’n Konus, den steckste uff die Öffnung und machst‘n Hebel uff. Da Kann ma nix falsch machen“). Dann der große Moment. Erst mal Wasser bunkern. Frischwasser. Wir machen den Tank randvoll. Man weiß ja nie. Jetzt der Fäkalientank: Deckel auf, Den Absaugstutzen draufgesteckt, Hebel geöffnet, Wertmarke in die Pumpe geworfen und los geht’s. Leider ist der Absaugschlauch ein „Auslaufmodell“, er „ist nimmer ganz dicht“. Tropfenweise gelangt das Absauggut in die Havel. Jetzt weiß ich, wie Fische Rückenschwimmen lernen. „Wenn der Tank dann leer is, saugste bissel Havelwasser nach, damit‘s nich so stinkt, wenn icke dran vorbeigeh‘!“ Also den Stutzen in die Havel halten. Der Schlauch wurde somit vom Geruch befreit und wir können mit einem ruhigen Gewissen ablegen.

Über den Teltow-Kanal fahren wir Richtung Rummelsburg in den Yachthafen Stralau. Als Erstes ist eine Dusche von Nöten, für einen Euro hat man vier Minuten Zeit zu duschen. Drückt man in der Dusche den Stopp-Knopf, bleibt auch die Zeit stehen, so dass man sich in aller Ruhe einseifen und schamponieren kann. Erst wenn man den Duschknopf wieder betätigt, laufen Wasser und Zeit. Danach fahren wir in die Stadt. Ins KaDeWe zum Einkaufen. Es ist Sale, vielleicht findet man was Passendes. Die Kassiererin packt alles fein säuberlich in Tüten. „Hamse weit? Die Taschen sind etwas schwerer!“ – „Keine Sorge, unsere Yacht liegt in Stralau, das schaffen wir schon!“ Das Gesicht der Verkäuferin zeigt ein paar verwirrte Züge und es scheint, als sähe sie um sich herum einige Fragezeichen. Mit einem breiten Grinsen machen wir uns zurück aufs Schiff, nicht ohne vorher noch in der Stadt zu essen. Dosen in allen Ehren, frisch ist besser. Zurück auf dem Schiff wird wie gewohnt noch die Essecke zu meinem Bett umgebaut, bevor ich mich zur Ruhe begeben kann. Gute Nacht!

Es scheint heute ein wunderschöner Tag zu werden. Darum beschließen wir, von Rummelsburg aus über den Müggelsee nach Klein-Venedig zu fahren. Das sind kleine Grundstücke, die wie Venedig von Kanälen durchzogen sind. Früher hatten hier SED-Funktionäre ihre Datschen, heute werden die Grundstücke an Jedermann vergeben, jedoch nicht verkauft, da das Areal Flutgebiet ist, falls Berlin von einem Hochwasser bedroht werden sollte. Leider können wir mit unserer großen Wilden Hilde die kleinen Kanäle nicht befahren, es gibt auch keinen Anleger für Gäste. Daher müssen wir uns mit der Vorbeifahrt begnügen. Nach dem Seddiner See, die Dahme, den Langen See und den Teltowkanal befahren wir den Neuköllner Kanal mit der Schleuse. Der Hub hier beträgt nur 0,25m, so dass auf der einen Seite die Schleusentüre zugehen, ein paar Sekunden auf der anderen Seite die Schleusentore öffnen, so dass der ganze Vorgang innerhalb von 5 Minuten erledigt ist. Selbstbedienungsschleuse versteht sich. Wir werden von Tag zu Tag besser. Jetzt befahren wir den Landwehrkanal Richtung Westen (da dieser eine Einbahn-Wasserstraße ist), unter dessen Brücken wir gerade so durchpassen. In Charlottenburg legen wir an und bleiben über Nacht dort liegen, um gleich nach Sonnenaufgang aufbrechen zu können. Gute Nacht!

Früh am nächsten Morgen machen wir uns auf, die Spree zu befahren. Da wir kein UKW-Funkgerät an Bord haben, dürfen wir nur von Sonnenaufgang bis 10.30 Uhr die Strecke zwischen Lessingbrücke und Mühlendamm-schleuse befahren. Punkt Sonnenaufgang starten wir gen Regierungsviertel. Vorbei an der „Jold-Else“ (dem Friedensengel), am Schloss Bellevue, dem Hauptbahnhof, dem Paul-Löbe-Haus, dem Reichstag (vor dessen Uferseite Tafeln mit den Namen der Republikflüchtlinge, die über die Spree in den Westen fliehen wollten, und dabei erschossen wurden angebracht sind), ARD-Hauptstadtstudio, der Museumsinsel und dem Berliner Dom bis zur Mühlendammschleuse. Dort drehen wir, denn schließlich will jeder mal Fotos machen, während der andere steuert. Anschließend machen wir uns auf den Weg in Richtung Potsdam. Ab in den Yachthafen, anlegen, duschen und dann in die Stadt. Besichtigung derselben. Wirklich sehr sehenswert. Toll, wie sich Soli und Länderfinanzausgleich hier auswirken. Nach einem guten Abendessen geht’s zurück aufs Schiff. Neben uns sitzt ein Witwenstammtisch. Eine der Damen wählt als Nachspeise ein gemischtes Eis. „Maracuja, Sternfrucht und Zitrone, büdde!“ – Meine Reaktion darauf: „Hör dir das an, vor 30 Jahren kannten sie noch keine Bananen, und jetzt bestellen sie frech Südfrüchte-Eis.“ Gute Nacht!

Tags darauf steht die Fäkalienentsorgung an. Gewohntes Spiel, jedoch ist der Schlauch repariert. Die Betreiber des Yachthafens hatten anscheinend Mitleid mit den Bewohnern der Havel. Frisch abgesaugt geht’s zu Aldi, um Vorräte zu bunkern. Dann schippern wir über den Griebnitzsee in den Wannsee, die Badewanne der Berliner. Man muss sehr aufpassen, um nicht mit Seglern oder Surfern zu kollidieren, gerade am Wochenende ist hier mächtig Betrieb. Die weitere Reise führt uns über den Jungfernsee und den Sacrow-Paretzer-Kanal in den Havelkanal. Dieser wurde zu DDR-Zeiten als Umfahrung von West-Berlin angelegt, um immer eine sichere Nord-Süd-Verbindung zu haben. In Brieselang finden wir beiden dortigen Wassersportfreunden einen Liegeplatz. Der Hafenmeister nimmt uns sogar mit ins Zentrum, wahrscheinlich sieht er uns an, dass wir Hunger haben und toootal ausgelaugt sind. Zurück zur Wilden Hilde müssen wir allerdings zu Fuß, nach dem guten Essen tut das ganz gut. Gute Nacht!

Früh aufstehen heißt es am nächsten Tag. Heute wird es ein reiner Fahrtag, denn wir wollen zurück nach Mildenberg, um den zweiten Teil der Reise anzugehen. Davor muss das Schiff allerdings noch betankt werden. Über die Havel-Oder-Wasserstraße, Oranienburg, den Vosskanal und die Havel machen wir uns auf den Weg. Abends kommen wir in Mildenberg an. Natürlich ist der Hafenmeister schon im wohlverdienten Feierabend und wir verbringen die Nacht ohne Landstrom. Ein, zwei Nächte hält die Wilde Hilde locker ohne Stromversorgung durch. Die Akkus werden während der Fahrt wieder aufgeladen. Landstrom benötigt man nur für die an Bord befindlichen Elektrogeräte, wie z.B. Toaster oder Kaffeemaschine. Für das wichtigste Navigationsgerät (Handy) ist auch ein 12V-Stecker vorhanden. Gute Nacht!

Tags darauf hat uns der Hafenmeister schon erspäht, gibt uns den Schlüssel zur Dusche, versorgt uns mit Frischwasser und Diesel, entledigt uns der Fäkalien und ist froh über zwei Gäste, die ihm für eine Stunde Unterhaltung schenken. Schließlich ist Nebensaison und es kommen fast keine Gäste mehr. Ein Plausch über die gute alte Zeit in der DDR ist genauso interessant wie seine Erfahrungen von der neu gewonnenen Reisefreiheit nach der Wende. Aber die Zeit drängt, wir wollen heute noch nach Fürstenberg, dazu sind einige SB-Schleusen zu überwinden und die Havel macht auch einige Kurven, die Zeit beanspruchen. Also verabschieden wir uns von Mildenberg und seinem Hafenmeister und machen uns auf den Weg. Vorbei an der Schorfheide, dem bevorzugten Jagdgebiet von Erich Honecker. Wir erreichen zeitig (ok, das mit den Schleusen und den Kurven war eine Ausrede…) Fürstenberg und legen im Yachtclub an. Nachmittags statten wir der Innenstadt einen Besuch ab und essen abends im Hafenrestaurant. Eine gute Wahl! Wie gehabt: Sitzecke zur Schlafgelegenheit umbauen. Gute Nacht!

Weiter geht es am Morgen durch die von den bunten Blättern gefärbten Wälder auf den Kanälen immer Richtung Nordwesten, vorbei an Mirow nach Rechlin. Die Müritz-Havel-Wasserstraße wird so etwas wie eine neue Heimat für uns, denn auf ihr befinden wir uns den größten Teil dieser Woche. In Rechlin angekommen warten wir auf den Hafenmeister, um danach in der Stadt wieder Vorräte zu bunkern. Pünktlich zum späten Nachmittag ziehen wie so oft auf dieser Tour die Kraniche über uns hinweg. In einer festen Formation und doch locker fliegen sie dahin. Unweigerlich suche ich mir „Die Kraniche des Ibykus“ raus und lese mir das Gedicht durch. Weil es passt. In Rechlin haben wir die schwere Wahl zwischen Netto Ost und Netto West. Wir entscheiden uns für die Ost-Variante und staunen, wie viele Produkte die Wende überlebt haben. Und das Gerücht, Bananen seien nur deshalb krumm, weil sie immer einen großen Bogen um die DDR machen mussten, ist natürlich frei erfunden. In Rechlin sind sie sogar im Angebot. Wir kochen auf dem Schiff eine Mischung aus Geschnetzeltem und Gulasch mit Nudeln. Mangels Geschnetzeltem verwenden wir bereits zu Gulasch gewürfeltes Fleisch für das „Jägergeschnetzelte“ von Knorr.  Die Nudeln kommen aus der Region. Das merkt man schon beim ersten Bissen. Gute Nacht!

Am nächsten Tag greifen wir es an: Die Fahrt über den großen Müritz-See mit Ziel Waren an der Müritz. Nach zwei Stunden gemütlicher Fahrt ohne Seegang bringt uns die Wilde Hilde unserem Ziel näher, nicht ohne kurz an einer Boje zu halten. Hier befindet sich die Müritz-Mitte, gekennzeichnet durch eine rot-weiß gestreifte Boje zwischen zwei Untiefen. Jetzt aber weiter gen Norden immer in der Fahrrinne, um nicht auf Grund zu laufen. Wir erreichen den Yachthafen, wo wir beim Hafenmeister unsere Gebühr begleichen und uns in die Stadt auf machen. Waren hat vieles zu bieten, eine schöne Altstadt, gute Restaurants und das Müritzeum, eine Mischung aus Museum und Zoo der Region. Toll gemacht, vor allem für Kinder, da es viel anzufassen und auszuprobieren gibt. Am Interessantesten ist es, an der Hafenpromenade den Menschen zuzuschauen, wie sie anlegen, ablegen, ratschen, Möwen und Enten füttern oder den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Man kann von Glück sagen, dass vor den Restaurants die Bürgersteige nicht hochgeklappt werden, sobald die Tagestouristen in ihre Busse eingestiegen sind, denn somit haben wir die Chance auf ein gutes Abendessen. Es ist wirklich lecker und der Rückweg zum Boot wird zum Verdauungsspaziergang. Gute Nacht!

Da es heute nicht eilt, beginnen wir den Tag langsam, frühstücken in Ruhe und machen uns auf striktem Westkurs über den Kölpin- und den Fleesensee auf nach Malchow, wo wir vor der Drehbrücke eine kurze Pause einlegen. Diese schwenkt nur zur vollen Stunde auf und lässt die wartenden Yachten passieren. „wenn ihr angelegt habt, komm ich nicht raus, da bleibt die Brücke zu“, meint der Brückenwart, der uns unerfahrene Landratten beim Warten ertappt hat. „Ihr müsst schon schwimmend vor der Brücke warten, damit ich euch seh‘!“ Meine Antwort „tut mir leid, aber zum Schwimmen ist das Wasser zu kalt und gesehen haben Sie uns ja schon!“ quittiert der humorvolle Mensch auf der Brücke mit einem herzhaften Lachen und lässt die Brücke zur Seite fahren, damit wir passieren können. Über Plau am See und die Müritz-Elde-Wasserstraße erreichen wir am späten Nachmittag Lübz. Dieses kleine Städtchen ist durch seine Brauerei bekannt, und sobald der Wind günstig weht, riecht man schon das Malz bis in den Anleger in der Stadt-Marina. Die freundliche Schleusenwärterin gibt uns noch einen Tipp, wo man am Abend gut essen kann, und nebenher freut auch sie sich über einen „Ratsch“ zum Feierabend. Wir nehmen im Hafen eine ausführliche Dusche und machen uns dann auf in den Supermarkt. Im alten Amtsturm, dem Markenzeichen der Lübzer Brauerei, genießen wir das Abendessen. Auch hier ist wieder ein Verdauungsspaziergang von Nöten. Gute Nacht!

Da das Ende der Yachtcharter immer näher rückt, machen wir uns auf den Weg in die südliche Müritz. Also wieder zurück nach Waren, wo wir wieder über Nacht bleiben, diesmal aber nur eine Zwischen-übernachtung, denn wir brechen am nächsten Morgen wieder zeitig auf, um nach Buchholz zu gelangen, wo wir die Wilde Hilde wieder ihrem Besitzer übergeben müssen. Das Auto hat die Firma von Mildenberg nach Buchholz überführt, so dass wir in aller Ruhe unsere sieben Sachen zusammenräumen, das Schiff aufräumen, Fäkalien sowie Abfall wegräumen, das Schiff tanken und mit Frischwasser befüllen können. Der Heimweg erfolgt direkt, am Sonntagabend nutzen wir das LKW-Fahrverbot und später die Nachtruhe auf den Straßen aus, um von Mecklenburg-Vorpommern wieder nach Bayern zu gelangen.

Quelle: http://www.greisinger-online.de/blog/index.php?tour-mit-der-motoryacht--wilde-hilde-