Einmal Elbe und zurück
Augen auf bei der Berufswahl: Wenn man in einer Firma die Texterin ist und im Verdacht steht, ein Smartphone benutzen zu können, bekommt man für den Urlaub schnell mal aufgedrückt, die firmeneigenen Kanäle mit Storys zu versorgen. Da Instagram-Storys immer nach 24 Stunden im digitalen Nirwana landen, haben wir die Posts hier noch mal zusammengefasst und etwas ergänzt.
Von Dagmar Rockel-Kuhnle
Prolog
„Tschechien? Ernsthaft?“
„Klar, wir haben da jetzt schon die zweite Saison ein Boot und gefahren bin ich da noch nie!“
„Ja, wo denn auch!“
„Moldau und vor allem Elbe.“
„Hat die Wasser? Jetzt im August?“
„Werde ich dann ja sehen!“
Zugegeben, aus der Skepsis meiner mecklenburgischen Nachbarin sprach nicht allein das Trauma der nicht existierenden Reisefreiheit ihrer ostdeutschen Kindheit (die DDR-Bürger konnten üblicherweise nur die Grenzen zu Ostblock-Staaten passieren). Womit verbinden Boomer oder Gen-Z-Leute heute Tschechien? Die ersten Assoziationen sind abgerockte Kurorte, grölende Party-Touristen in Prag und knatternde Skodas in „3 Haselnüsse für Aschenbrödel.“
Als Wessi hatte ich den real existierenden Sozialismus höchstens mal in seiner Light-Version im damaligen Yugoslawien oder als Tagestourist in Ost-Berlin erlebt. So hatte ich unbeschwert nach der Wiedervereinigung zuerst die mecklenburgischen und märkischen Gewässer und später auch Masuren entdeckt – wunderschöne Reviere zum Boot fahren und Urlaub machen!
Jetzt ging es mir weniger um Tschechien. Mehr um die Elbe. Meinen Fluss. Ich bin in Hamburg an der Elbe aufgewachsen. Nur dass die Elbe in unserem Leben damals kaum vorkam. Sie war ein mit giftigen Chemikalien verseuchter Abfluss, in den wir auf Schulausflügen allerhöchstens mal unsere Füße eintauchen durften. Zum Segeln gab es die Alster, zum Baden fuhr man ins Hallenbad oder an die Ostsee. Ich bin fast 60 Jahre alt und noch nie in der Elbe geschwommen.
Anfahrt, Auspacken und Ankommen
Das Boot, eine Kormoran 1140 mit zwei Kabinen, war frei, also ein paar Sachen gepackt und mit dem Auto waren wir nach fünfeinhalb Stunden Fahrt von der Müritz an der Moldau, in dem Dörfchen Nelahozeves. An Bord war es mollig warm wie in einer Sauna, wir verteilten den Inhalt des Kofferraums auf beide Schlafkabinen, Salon und Küche, dann ließen wir uns von Google die Supermärkte in der Nähe anzeigen. „Tesco in 3,5 Kilometer, den nehmen wir“, entschied ich gegen deutsche Discounter und Geschäfte mit zuvielen tschechischen Umlauten.
Zwei Stunden später schaffen wir unsere Einkäufe an Bord: Wasser, Bier und Wein für zehn Tage, Kaffee, Milch, Käse, was zum Grillen, fürs Frühstück, Kuchensnacks und Erdnüsse für den Apero an Bord. Lange hatten wir vor dem Regal mit den Obstbränden gestanden und uns schließlich mit Hilfe des Internets für einen Sliwowitz aus dem Hause Jelinek entschieden. Eine gute Wahl, wenngleich es auch andere leckere Schnäpschen gibt, wie wir rausfinden sollten.
Bier: Wer hat’s erfunden?
Nachdem die Einkäufe einigermaßen an Bord verstaut und die Betten vorbereitet waren wollten auch unsere Mägen gefüllt werden. Glücklicherweise gibt es in der Marina Vltava (Vltava= tschechisch für Moldau) ein Restaurant mit luftigem Biergarten mit Blick über Moldau und Wälder auf der anderen Uferseite. Das Auto fuhr der Ehemann noch schnell von der Kaimauer (wir hatten zum Ausladen direkt neben der Salontür geparkt) auf den Parkplatz der Marina.
„Hmm, das Bier ist lecker!“ Ich stelle den Krug Únětice – eine lokale Brauerei bei Prag – ab.
„Kein Wunder, die Tschechen haben das Bier erfunden!“
„Ich dachte das waren die alten Ägypter?“
„Na, zumindest haben sie es perfektioniert.“
Im Sommer ist so ein Bier ja zügig verdunstet, so suchen wir uns für den Hauptgang einen Wein aus. Auch hier gibt es Regionales. Die Adelsfamilie Lubkowicz, der das geräumige Schloss im Dorf (und noch ein paar andere) gehört, baut auch Wein an. Leckeren Wein. Schnell haben wir uns aus der Speisekarte und den zahlreichen Infobroschüren an Bord zusammengereimt, dass wir in Melnik am Weingut der Familie vorbeikommen.
Als die Rechnung kommt, bin ich angenehm überrascht: Umgerechnet 35 Euro kostet unser Abendessen mit Bier, Wein und einem Nachtisch.
„Wenn das Essengehen hier weiterhin so günstig ist, müssen wir gar nicht mal so viel an Bord kochen!“ verkünde ich erfreut. Dann verdrücken wir uns an Bord, um auf dem Achterdeck unseren Slivovice zu verkosten.
Tag 1 – Nelahozeves nach Melnik
Es ist Mittag, als wir am nächsten Tag endlich auslaufen. Weit wollen wir nicht, die Moldau zu Tal bis Melnik, dem Ort wo die Moldau offiziell in die Elbe fließt. Eigentlich ist es umgekehrt, denn die Moldau führt mehr Wasser als die Elbe, also fließt die Elbe eigentlich in die Moldau, aber irgendein oller Mönch hat das bei seinen Aufzeichnungen mal so hingeschrieben und dann ist es dabei geblieben.
Schnell erreichen wir die erste Schleuse (Miřejovice). Ein seltsam hoher Steg mit Leitern dran kommt in Sicht. „Was ist das für ein komisches Gebilde?“ Zum näheren Untersuchen ist keine Zeit, denn die Schleuse zeigt grün, wir fahren in die für mecklenburgische Verhältnisse riesige Kammer ein. Die Moldau ist für Frachtschiffe ausgebaut und das zeigt sich auch an den Schleusen. Die an der Moldau lassen sich sogar noch erweitern, um besonders lange Schiffe aufnehmen zu können.
„Du nimmst den Poller, ich die Leiter“, sagt der Ehemann. Die Poller sind weit auseinander, so dass wir nicht gleichzeitig zwei erreichen können. Diese Schleusentechnik werden wir vorerst beibehalten. Beim Ausfahren ist an Backbord noch ein weiterer seltsam hoher Steg zu sehen, da klickt es bei uns: „Das ist eine Sportbootwartestelle!“
An Hopfenfeldern und Anglern vorbei tuckern wir zu Tal. Doll ist die Strömung nicht, das hatte ich schon heute morgen beim Schwimmen gemerkt. Es gab schon Strömung, aber solange ich gegenan schwimmen kann, hat unsere Kormoran damit auch kein Problem. Kurz bevor es in den Moldau-Seitenkanal geht, schiebt der Fluss mit vielleicht einem halben Kilometer pro Stunde.
Neun Kilometer weiter schicken uns die Verkehrszeichen ganz links ans Ufer. Rechts versperrt ein Wehr ohne Schleuse den Weg, die Schifffahrt wird über den Moldaukanal geführt. Nach ein paar hundert Metern halten wir vor einer Brücke mit einer roten Ampel. Die Brücke scheint passierbar, aber als Deutsche haben wir Respekt vor roten Ampeln. Wir warten. Irgendjemand wird uns schon per Videoüberwachung sehen und auf grün schalten, denken wir. Fünf Minuten später denken wir das immer noch. Auch nach 10 Minuten und einem kleinen Mittagssnack denken wir immer noch, dass bestimmt bald grün wird. Nach 15 Minuten kommen uns erste Zweifel. Wir versuchen Tomasz zu erreichen, der für Kuhnle-Tours die Übergaben macht und sich perfekt an den Wasserstraßen auskennt. Mailbox. Wir blättern in dem Stapel Infomaterial: Keine näheren Anweisungen. Hmmm.
Rote Lichter überfahren? Darf man das?
Irgendwann nehmen wir allen Mut und kriminelle Energie zusammen und fahren einfach los. Auch die nächste Brücke zeigt ein rotes Licht. Jetzt kommt es schon nicht mehr drauf an, denken wir uns und tuckern vorsichtig weiter. Später lernen wir, dass diese Ampelregelung verhindern soll, dass sich im engen Kanal zwei dicke Pötte begegnen. Für unser kleines Sportboot gelten sie nicht.
Nach acht Kilometern erreichen wir die historische Schleuse von Hořín. Sie ist mit dem Kanal Anfang der 20. Jahrhunderts gebaut worden und die älteste Zweikammerschleuse Tschechiens. Vom Oberwasser sieht sie durchaus nicht besonders spektakulär aus. Nur etwas irritiert sind wir, dass wir das untere Tor beim Einfahren nicht genau sehen. Während wir abwärtsschleusen dämmert mir langsam warum nicht: Die Schleuse hat mehr als 8 Meter Hub. Nach und nach wird vor uns an der Stirnseite der Kammer eine Öffnung sichtbar, durch die wir schließlich herausfahren. Vom unteren Vorhaufen erstreckt sich die Schönheit der aus Steinblöcken gebauten Doppelschleusenportals mit über die ganze Kanalbreite. Wow! Zu K-und-K-Zeiten hat man nicht nur zweckmäßig, sondern auch stilvoll gebaut. Dass 2019 die Durchfahrtshöhe auf 7 Meter angepasst werden musste stört die schöne Jugendstil-Fassade nicht: Man hat einfach einen Teil des Oberbaus auf hydraulische Stempel gesetzt, die für höhere Schiffe hochgefahren werden.
In Melnik wünschen wir uns einen der schönen Stadtanleger, die wir später noch kennen- und schätzen lernen. Es gibt dort aktuell (Sommer 2026) einen Liegeplatz für ein Fahrgastschiff direkt vor dem Weingut auf der Stadtseite. Außerdem einen Liegeplatz mit Landzugang unterhalb der großen Brücke und einen Paddelsteg kurz vor der Einfahrt in einen Altarm oberhalb der großen Brücke.
Der Liegeplatz mit Landzugang ist besetzt, wir könnten zwar vor oder hinter dem anderen Boot anlegen, dann würden wir aber nicht an Land kommen. Und Melnik wollen wir uns natürlich angucken, vor allem das Weingut derer von Lobkowitz. Wir machen einen Bogen und fahren von unten kommend den Paddelsteg an. Einschlechtes Gewissen haben wir nicht, weil gleich unterhalb der Brücke ein kleiner Strand ist, von dem man aus wunderbar und ohne Treppenstufen Paddelboote ins Wasser setzen kann. Maschine aus und ordentlich anziehen für den Landgang.
Unser Ziel ist das Weingut am anderen Flussufer. Unser Plan: Ordentlich Weine probieren, das eine oder andere Fläschchen für unterwegs mitnehmen und auf dem Rückweg mit dem Auto noch mal ranfahren und ein paar Kartons einladen. Natürlich nur, wenn der Wein lecker ist.
Leider ist in Tschechien die Idee der kostenlosen Probierschlückchen unbekannt. Man kauft also ein kleines oder großes Glas, setzt sich damit in der Garten am Labeufer oder schlendert weinschlürfend umher, bis das Glas alle ist, dann holt man sich das nächste. Wir schaffen es sechs Weine und einen Traubenbrand zu probieren, machen uns Notizen, was wir am nächsten Tag kaufen wollen und fragen nach einem Restaurant-Tipps für das Abendessen.
Der Weg zu Fuß hinauf in die Altstadt von Melnik ist steil, aber glücklicherweise geht es durch einen schattigen Wald und in regelmäßigen Abständen sind Bänke zum Verschnaufen aufgestellt. Auch das empfohlene Restaurant finden wir ohne Problem und lassen uns das Essen schmecken.
Tag 2 – Melnik bis kurz vor Lysa
Am nächsten Morgen bin ich früh auf, denn heute kann ich etwas tun, das mir in meiner Kindheit versagt war: Ich werde in der Elbe baden. In meinem Fluss! Noch vor dem Frühstück ziehe ich den Badeanzug an, bereite Duschgel und Handtuch auf der Badeplattform vor und klappe die Badeleiter aus. ,Erst mal die Strömung auschecken‘, denke ich ,das ist hier schließlich die Elbe!‘ und mache mich Richtung Bug auf den Weg. Und kratze mir die Knie auf. Gleich neben unserer Kormoran ist das Wasser vielleicht noch fünfzig Zentimeter tief. Zum Schwimmen langt es nicht. Der Grund ist steinig, so dass es auch nicht wirklich schön ist, mit den Füßen zu loten. Tatsächlich haben wir wohl bei der Ansteuerung gestern Nachmittag die einzige Rinne getroffen, die genug Wasser für unsere 75 Zentimeter tief gehende Kormoran hatte. Uupsi.
Zu flach zum Schwimmen, aber fürs Boot reichts
Also schwimme ich mit der Strömung unter der Brücke durch in Richtung deutsche Grenze. Vorsichtshalber drehe ich aber immer wieder gegen den Strom, um nicht weggetrieben zu werden. Auch meine Schwimmboje habe ich mir umgebunden, sicher ist sicher.
Boots-Führer: Mensch und als Download
Beim Frühstück kommt Tomasz Kolarik vorbei. Er betreut unsere Boote in Tschechien, macht die Übergaben und arbeitet an der Entwicklung der Wasserstraßen für Touristen mit. Jetzt können wir das Briefing nachholen, dass er uns aus Zeitgründen gestern nicht geben konnte. Wie funktioniert Strom und Wasser an den Anlegestellen, was ist wo im Revier und viele weitere Infos bekommen wir. Außerdem ist das Boot voll mit Prospekten, Flyern und Broschüren, zum größten Teil auf Deutsch, der Revierführer ist auf tschechisch an Bord, aber wir hatten bereits in Deutschland die englische Version heruntergeladen und ausgedruckt.
https://www.sccr.cz/wp-content/uploads/2024/02/Cruising-Guide-2024.pdf
Törnplanung: An Bord sind reichlich Unterlagen über das Revier und lohnende Landgänge, auch für Radfahrer und Wanderer sind eigene Führer an Bord.
Tomasz erklärt uns, dass wir bitte, bevor wir wieder Richtung Nelahozeves fahren, zur Tankstelle in Roudnice fahren sollen um Diesel zu bunkern, das sei die einzige Tankstelle.
Derart frisch und kompetent gebrieft, machen wir uns auf den Weg, die Elbe hinauf. Naja, noch nicht ganz. Wir müssen noch ein paar Flaschen von dem Wein besorgen, den wir gestern ausgesucht hatten. Das Weingut hat einen Anleger für Fahrgastschiffe. Wir riskieren es dort anzulegen um uns die Schlepperei der Flaschen zu ersparen.
Der Ehemann schärft mir ein, auf dem Achterdeck sitzen zu bleiben und Ausschau nach dem Fahrgastschiff zu halten. Wenn es sich nähert, soll ich ihn schnell herbeitelefonieren. „Alles klar“, sage ich, nehme mir mein Buch und mache es mir auf zwei Stühlen gemütlich. Es ist aber auch herrlich, hier auf der Elbe in der Sonne zu hocken, zu lesen, mit Siegfried Lenz auf einem Feuerschiff auf der Ostsee von Gangstern überrascht zu werden, ab und zu tutet das Nebelhorn. Nebelhorn? Hat da eben auch hier was getutet? Oh Schreck, das Fahrgastschiff kommt! Jetzt hat es schon wieder einen langen Ton gegeben. Hektisch mache ich mich auf die Suche nach meinem Telefon und starte nebenbei den Motor. Da kommt der Gatte auch schon mit Weintüten beladen angerannt. „Der hat doch schon mehrfach getutet! Wieso hast Du nicht angerufen?“ Er springt an Bord, wir werfen schnell los, um dem Fahrgastschiff Platz zu machen. Ich verbeuge mich um Verzeihung bittend beim Ablegen vor dem Kapitän, er winkt lachend ab, nicht so schlimm. Uff!
Strömung? Ach was!
Jetzt wird es also ernst. Wir fahren die Elbe zu Berg. Als wir das das letzte Mal versucht haben, kurz vor Magdeburg, habe ich mir noch eine Viertelstunde lang den gleichen Busch am Ufer angeguckt. Eine Kormoran fährt zehn Stundenkilometer, wenn einem der Fluss mit fünf km/h entgegenkommt, liegt man theoretisch immer noch fünf km/h vorne. Aber praktisch gibt es eben auch Brücken oder Engstellen, an denen so ein Fluss schneller fließt. Die gute Nachricht: Nicht hier an der tschechischen Elbe. Denn hier hat man in den 50er Jahren Schleusen und Wehre gebaut, die den Fluss stauen, abbremsen und die umliegende Landschaft und Landwirtschaft mit Wasser versorgt. (Wenn ein Flussabschnitt gestaut ist, steigt in dessen Umgebung auch der Grundwasserspiegel.)
Wir fahren mit satten 10,4 Stundenkilometern die Elbe zu Berg, die Strömung kann hier nicht mal ein Kilometer pro Stunde betragen. Irgendwann sind die Schleusen zu und es ist weit und breit kein Hafen in Sicht. Schließlich entdecken wir eine wacklige mehr ehemalige Befestigung mit ziemlich fragilen Klampen dran. Nun ja, nicht gerade ein Ort, den man Kunden empfehlen könnte, aber wir sind abenteuerlustig: Es sieht weder nach Wind noch nach schlechtem Wetter aus, wir legen an, binden uns irgendwie fest und heizen den Bootsgrill an.
Tag 3 – kurz vor Lysa bis Kolin
Schleusentechnik
Das Schleusen hier ist unproblematisch. Die Schleusen geräumig zu nennen ist bei einer Kammergröße von 85 mal 12 Metern eine glatte Untertreibung. Gleichwohl gibt es hier an der Elbe, anders als an der Moldau, keine Sportbootwartestellen. Wir behelfen uns damit, dass wir am äußeren Ende des trichterförmigen Leitwerks festmachen um zu warten bis wir einfahren dürfen. Das Leitwerk ist so breit, dass locker noch ein Frachter an uns vorbei passt.
In der Kammer machen wir vorne an der Leiter und hinten an einem Poller fest. Diese Technik behalten wir bis Hradištko bei. Hier weist und der Schleusenwärter an, dass wir das bitte sein lassen sollen.
Die tschechischen Sportboote schleusen alle mit Mittelklampe und einem Poller. Aber die sind auch kleiner und leichter als wir. Auch eine Kormoran 1140, die ja die zweitkleinste Kormoran ist, wiegt noch fröhliche 19 Tonnen. Nun denn, seit Hradištko schleusen wir auch mit der Mittelklampe. Für mich hat das den Vorteil, dass ich gemütlich auf dem Achterdeck mit meinem Buch bleiben kann, während der Ehemann die Leine führt und den Motor abstellt. Das wäre schon mal gelungen. Natürlich übernehme ich auch immer mal das Steuer, vor allem um die Mittagszeit, wenn mein Mann unter Deck verschwindet um uns einen Snack zu machen. Work-Life-Balance kann ich! (Bevor jetzt die Männergruppen zur Rettung angeritten kommen: Der Gemahl wäscht nur äußerst selten ab, deckt keinen Tisch und das Aufräumen hat er auch nicht erfunden.)
Kolin – Stolpersteine
In Kolin sind wir mit Schwägerin und Schwager verabredet. Die beiden sind mit dem Wohnmobil unterwegs und haben schon eine Bar für einen Apero mit Flussblick in der Nähe des Anlegers ausgemacht. Wir machen das Boot fest, stecken den Strom ein und lassen uns mit Bier und Aperol Spritz in die Liegestühle fallen.
Später fahren wir mit dem Wohmobil rüber in die Stadt zu einem Restaurant, dass wir uns über Google gesucht haben. Die Stadt ist nicht weit, aber mein Schwager ist nicht gut zu Fuß, so können wir heute Abend auch ein bisschen faul sein. Es gibt Rippchen in derartiger Menge, dass wir die Teller nicht leer essen können und zurück an Bord erst mal ein Schnäpschen brauchen. So muss das im Urlaub!
Tag 4 – Kolin bis Chvaletice und zurück nach Tynec
Am nächsten Morgen müssen wir ein paar Vorräte ergänzen und spazieren über Flussbrücke und Bahnbrücke in die Stadt. Da wir als erstes auf den alten jüdischen Friedhof treffen, ist es auch ein kleiner Stadtrundgang den wir machen. Später besuchen wir die Synagoge, die in einem Hinterhof untergebracht ist und einen Nebenraum für Ausstellungen hat, in dem in diesem Sommer die Geschichte von einer Gruppe jüdischer Mädchen in der Nazizeit erzählt wird. Kolin war eine der größten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden in Böhmen, entsprechend wird die Geschichte gewürdigt. Praktischerweise ist im Vorderhaus die Touristinfo untergebracht, in der wir noch einen Schwung Infomaterial bekommen. Schon gestern waren uns an mehreren Stellen Stolpersteine aufgefallen.
Ein Biomarkt und ein Supermarkt versorgen uns mit allem, was uns noch fehlen könnte. Dann geht es wieder rauf auf den Fluss, der hier wirklich kein Strom mehr ist. Unser erstes Ziel ist der Campingplatz von Tynec, wo wir Schwägerin und Schwager an Bord nehmen wollen.
Chvaletice: Elbes Ende
Zwei Schleusen sind zu passieren dann sind es vom Steg in Tynec noch sechs Kilometer bis Chvaletice. Hier gibt es eine Werft, in der die Fahrgastschiffe und andere repariert werden können. Weiter als bis hierhin muss niemand fahren. Der Fluss ist hier breit genug, dass auch große Schiffe wenden können. Tomasz hatte uns davor gewarnt weiter zu fahren, die tschechische Wasserstraßenverwaltung pflege die Elbe oberhalb nicht, eine Tiefe von einem Meter sei nicht garantiert. Wir versuchen es natürlich trotzdem. Ziemlich schnell beginnt es modrig zu müffeln, ein Blick ins Kielwasser zeigt, dass der Propeller eine Spur aufgewirbeltem Schlick zieht. Das Echolot zeigt minus 30 Zentimeter. Nix wie weg hier.
Wir legen an der sehr ruhigen Werft an und machen eine kleine Mittagspause, ich drehe eine kleine Schwimmrunde. Noch drei weiteres Schleusen gibt es hier, doch schon die erste, Přelouč, ist dauerhaft gesperrt. Für Boote, die um die Schleuse herum getragen werden können, geht es noch 30 Kilometer weiter elbaufwärts bis nach Pardubice. Wir machen uns auf den Rückweg zum Campingplatz nach Tynec, der auch eine Marina haben soll. Die Marina Tynec kann man nicht für Chartercrews empfehlen. Es gibt keine ausgewiesenen Plätze für Gäste und die Spundwand am Ufer und ihre Ausleger sind eher für nette kleine leichte Sporrtboote dimensioniert. Bei näherem Anfahren sind auch die paar Meter freie Spundwand wenig verlockend: Unmittelbar davor liegen ein paar ziemlich große Steine im Wasser. Schade eigentlich, denn der Campingplatz ist sehr gastfreundlich, gut ausgestattet und schön gelegen.
Tag 5 – Tynec bis Nymburk
Nymburk und Poděbrady: Alte und neue Steine
Ab jetzt geht es die Elbe bergab: Unser Ziel für heute ist die Stadt Nymbork, die uns auf dem Hinweg schon mit ihren hübschen alten Brücken aufgefallen war. Außerdem soll es dort eine Eismanufaktur geben. Achja, und eine lange zusammenhängende Stadtmauer.
Was wir dabei verpassen ist Poděbrady. Der Kurort hat eine berühmte Mineralquelle und ein Steine-Museum, das „Museum of Bricks“ in dem es über 1000 Lego-Modelle zu bestaunen gibt. Und eine Bauecke, die ausdrücklich für alle Altersgruppen gedacht ist. Sei’s drum, man kann ja noch mal herkommen.
Nach sechs Schleusen bei wärmsten Sommerwetter und fast 37 Kilometern Fahrt, gibt es abends eine Schwimmrunde in dem geräumigen Hafenbecken an einem schönen Park und zum Essen ausnahmsweise mal wieder den Bordgrill.
Auch Nymburk lohnt den Landgang. Es sind nur ein paar Schritte von dem Stadtanleger durch ein kleines Tor in der Stadtmauer. Schnell haben wir auch bei der Kirche die Eismanufaktur gefunden und gönnen uns jeder drei Kugeln, die wir im Schatten auf einer Bank vor der Kirche genießen. „Und?“ fragt der Gatte, „wie ist das Eis?“ Da ich zu Hause unser Speiseeis selbst mache (wir wohnen zu weit weg von der nächsten Eismanufaktur), gelte ich eismäßig als Fachfrau. „Joar“, antworte ich. „Hätten büschen großzügiger mit der Vanille und der Nusspaste sein können. Und mein Schokoeis ist schokoladiger.“ Trotzdem: Das Eis ist ordentlich und frisch. Aber ich beziehe Kakao und Kuvertüre für mein Schokoeis aus Saverne und meine Vanille habe ich aus Mauritius mitgebracht. Das ist dann schon ein bisschen leckerer.
Dafür finden wir ein paar Meter weiter eine Fleischerei und decken uns dort mit frischem Geflügel, Aufschnitt und leckeren Würstchen zum Snacken ein.
Tag 6 – Nymburk bis Brandys nad Labem
Blaue Jungs im Aluboot
In der Nähe von Brandys soll es einen Wasser-Freizeitpark in einem mit der Elbe verbundenen Baggersee geben. Den wollen wir uns genau ansehen. Nur ist es leider mal wieder Mittag, bis wir loskommen. Naja, dafür haben wir Eis gegessen und gute Wurst gebunkert.
„Ach guck, die Wasserschutz ist unterwegs“, sagt mein Mann – harmlos und gesetzestreu wie er nun mal ist – als wir an deren Bootsgarage vorbei fahren. Ein Tor steht offen, also werden die wohl auf Patrouille sein. Wir machen uns keine weiteren Gedanken und tuckern unseres Weges. Von Schleuse zu Schleuse. In Hradištko müssen wir – anders als sonst – eine ganze Weile warten. Wie gehabt am äußersten Ende des breiten Leitwerks. Als sich die Tore endlich öffnen, kommt ein süßes kleines Aluboot herausgefahren. Es hält direkt auf uns zu, beim zweiten Blick erkennen wir, dass es allerhand Technik auf dem Dach hat. Die Wasserschutz! Sie kommen bei uns längsseits.
Die beiden Beamten sind überaus freundlich, einer spricht sehr gut Englisch. Sie kontrollieren unsere Bootspapiere und erklären uns, dass wir nicht am Leitwerk festmachen dürfen. Sie haben Verständnis für unsere Erklärung, dass es eben leider keine Wartestelle für Sportboote gibt und die Wartestelle der Berufsschiffe für uns einfach ungeeignet ist. Mit höflichem Bedauern erklären sie uns, dass sie uns kostenpflichtig ermahnen müssen, damit wir keine weiteren Gesetze brechen. Wir müssen bitte 100 tschechische Kronen Strafe zahlen. Das sind umgerechnet etwa vier Euro inklusive einer ordentlichen Quittung, die wir unaufgefordert bekommen. Kaffee und Kekse (war gerade ohnehin fertig) lehnen sie ab.
Mal ein paar Bemerkungen zu den Stadtanlegern. Sie sind sich alle ähnlich und ich muss sagen: Wenn man einen Standard für Stadtanleger festlegen wollte, wie die gebaut sein sollten – so wie die Tschechen das machen, ist es das absolute Optimum: Edelstahl, Fangnetze, Stromsäulen, rutschfeste Holzbeplankung und Wasserzapfstellen, alles einheitlich mit der Karte an Bord zu bedienen. Supersolide verarbeitet, perfekt geschweißt oder geschraubt, ordentlich beschildert. Die Poller solide und überreichlich vorhanden. Die Seitenstege sind leicht geneigt, so dass sie der Strömung nicht zuviel Widerstand entgegenbringen. Und dabei für 48 Stunden kostenlos. In Deutschland und Frankreich ist man schon froh, wenn irgendwo ein Ring einbetoniert ist, oder der Steg so gebaut ist, dass man irgendwo eine Leine anbinden kann. Von Pollern aus Edelstahl brauch man hier gar nicht anfangen.
Einziger Verbesserungsvorschlag wäre, sie künftig auch für größere Boote auszulegen. Eine Kormoran 1280 würde wohl noch passen, aber eine 15er wäre schon zu schwer und zu lang für die Seitenstege. Und eine Badeleiter wäre nett, aber offiziell ist an den Anlegestellen das Baden verboten und man will wohl die örtliche Jugend nicht anlocken, in dem man eine Badeleiter installiert.
Fischtreppe mit Spaßfaktor
Zum Abendessen machen wir uns auf den Weg zu einem von Google empfohlenen Restaurant, dem „Brandejská Hospoda“. Spezialität: Rindfleisch vom Holzkohlegrill und Bier einer örtlichen Brauerei. Es sind nur kurz über 500 Meter zu laufen, trotzdem brauchen wir ein Weilchen: Der Weg führt über einen Wehrarm, in dem eine Wildwasser-Kanustrecke eingebaut ist. Kanuten und sogar SUP-Paddler stürzen sich in die wilden Wellen. Da müssen wir erst mal ein Weilchen zugucken.
„Das ist mal neu Fischtreppe mit Spaßfaktor“, bemerkt der Gatte trocken. Ich denke an die Fischaufstiegsanlage an der Schleuse Steinhavel: In Serpentinen aus Granit und Kiesbett wird dort das Wasser auf einem Meter Breite so abgebremst, dass Fische den Höhenunterschied überwinden können. Ob diese Strecke hier für einen Fisch zu Berg zu schaffen ist? Ich denke eigentlich schon, denn Tschechien ist seit 2004 in der EU und muss sicher beim Bau derartiger Dinge die auf die gleichen Umweltregeln achten wie alle anderen auch.
An Elbe und Moldau finden wir noch weitere dieser Wildwasser-Bypässe. Wäre so etwas bei uns möglich? Ich hab da so meine Zweifel.
Tag 7 – Brandys nad Labem bis Štětí
Am nächsten Morgen fülle ich unseren Wassertank auf. Der Schlauch im Boot hat eine spezielle Kupplung, die perfekt an die Zapfstelle am Steg passt. Karte ranhalten und in 50-Liter-Schritten die Füllmenge wählen.
Wasserspielplatz für groß und klein
Kurz darauf steht dann die Besichtigung der Wakeboard-Seilbahn-Wasser-Spiel-Strand-Camping-Landschaft ein Stück elbabwärts an. Anlegen ist auch für größere Boote möglich.
Der Wake Port bietet wirklich alles, was man sich am Wasser wünschen würde (naja, außer Tauchen). Es gibt schwimmende Ferienwohnungen, SUPs, eine schwimmende Sauna, einen Wasserspiel-Hüpf-Kletterpark, Co-Working-Spaces, man kann e-Foils ausleihen, Wasserski oder Wakeboarden an mehreren Seilbahnen fahren, Strand, Sanitärbereiche und Gastro gibt es natürlich auch. Und der Parkplatz sieht auch sehr danach aus, dass da auch keiner mit Zelt oder Wohnmobil weggeschickt wird. Wenn ich noch mal Teenies zu betreuen hätte: Hierher kommen, Liegestuhl aufs Achterdeck stellen und den ganzen Tag lesen, während die Kids unterwegs sind.
Nachdem wir alles angeguckt haben, hat uns der Fluss wieder. Kurz vor Melnik passieren wir ein großes Containerterminal. Und waren ja immer mal Berufsschiffe begegnet, die Container oder Schüttgut geladen hatten, aber wenn man sich die Wasserstandsmeldungen auf der deutschen Elbe so anguckt, fragt man sich doch, wo diese ganzen Container herkommen und vor allem wer die hier abholen soll? Wenn man sich die bunten Wände der genormten Transportkisten anguckt, kommt einem der Gedanke, was auf der Elbe an Frachtschifffahrt möglich wäre, wenn es denn zwischen Tschechien und wenigstens Magdeburg Schleusen gäbe und damit einen regulierten Wasserstand, einen erhöhten Grundwasserspiegel, Wasserkraftwerke und vielleicht sogar Kanurennstrecken gäbe. Ein durchschnittliches Binnenschiff kann soviel Waren transportieren wie 150 LKW.
Ich teile diese Gedanken auf unserer Facebookseite und es entwickelt sich ziemlich schnell eine rege Diskussion dazu, die auch für mich überraschende Aspekte zu tage bringt. Wer Lust hat, das mal anzugucken: https://www.facebook.com/share/r/1EwFGY5rvA/
Štětí – Anleger zwischen Lidl und Beachbar
In Štětí legen wir an einem schönen Park an. Gleich um die Ecke gibt es einen Lidl und ein paar Meter am Ufer entlang soll es eine Art Beachbar geben, die legendär gemütlich ist. Also nichts wie hin. Der Laden ist gepackt voll, es gibt Livemusik, alle sind bester Laune, das macht uns schon mal Hoffnung. Wir quetschen uns an einen Biergartentisch. Essen und Bier gibt es per Selbstbedienung, die Schlange ist lang, die Karte eher übersichtlich. Möglicherweise haben wir einen schlechten Tag erwischt, nach einem zähen Stück Fleisch mit Salat aus dem großen Eimer vom Gastro-Großmarkt trinken wir das zweite Bier und ein Schnäpschen zum Trost lieber bei uns an Bord. Immerhin hatten wir einen schönen Spaziergang am Ufer.
Tag 8 – Štětí bis Usti nad Labem und zurück nach Brná
Bunkern leicht gemacht
Heute steht der Tankstopp in Roudnice an. Der Gatte hatte in den letzten Tagen mit wachsender Unruhe die Nadel des Füllstandsanzeigers beobachtet. Sie hat die Mittelmarkierung erst kürzlich verlassen, aber so ganz traut er dem Instrument nicht. Wenn mitten auf einem Fluss mit Strömung (möge sie auch gering sein) der Motor ausgeht, haben wir ein Problem, das schlimmer ist, als wenn uns Schnaps und Schokolade ausgehen. Als der solide Betonsteg der Tankstelle in Sicht kommt, dreht der Ehemann erleichtert auf und legt gegen den Strom an.
Das Tanken selbst ist unkompliziert, dank der an Bord liegenden Bezahlkarte und einer Anleitung die uns mit dem ansonsten auf tschechisch kommunizierenden Tankautomaten vertraut macht. Am Ende war unsere Tanknadel in Ordnung, etwas mehr als 300 Liter passen rein, bei den aktuellen Dieselpreisen sind wir jetzt deutlich wertvoller geworden.
Hier unten ist die Elbe noch schöner als oben. Wir fahren zwischen Bergen hindurch, die mal mit Wein und mal mit Wald bewachsen sind. Es sieht eigentlich genauso aus wie an der Mosel oder an der Saar. Hier und da eine kleine Ortschaft und ein Bähnle, dass am Ufer entlangfährt. Modeleisenbahnlandschaft in Tschechien.
Tiefste Stelle – umdrehen
Und dann ist auch schon die letzte Schleuse erreicht. Im Ortsteil Strekov von Usti nad Labem können wir Schleuse, Kraftwerk und Wehr nur von oben angucken. Noch gut 20 Kilometer sind es unterhalb der Schleuse bis aus der Labe die Elbe wird, aber da das Wasser von hier bis zur Doppelschleuse Geesthacht einfach so wegfließt ist schon seit Juli nicht mehr genug Wasser in der Elbe. Vielleicht würde es für unsere flach gehende Kormoran noch reichen, da es aber zu flach für die Peilschiffe ist, ist es mehr als unsicher, ob man der Betonnung trauen kann. Ich würde zu gerne die Strecke bis nach Magdeburg einmal selbst mit dem Boot fahren, dann würde mir nur noch Dömitz-Hamburg fehlen und ich hätte meinen Fluss einmal komplett im Kielwasser. Nunja, irgendwann muss die Klaipeda ja mal zurück an die Müritz.
Wir drehen um und fahren wieder zu Berg bis zum Stadtsteg von Brná, wo es einen Wohnmobilstellplatz mit Kinderpool und einen Barcontainer mit selbstgemachtem Eis gibt. Das Wasser ist hier endlich wieder etwas einladender, so bekomme ich nach dem langen heißen Fahrtag eine ausgiebige Schwimmrunde.
Tag 9 – Brná bis Žernoseky und weiter nach Litomerice bis Roudnice
Weinprobe mit dem Boot
Am nächsten Tag wollen wir uns die Weinorte einmal genauer ansehen. Auf dem Rückweg an die Müritz mit dem Auto können wir dann ja immer noch anhalten und einkaufen. Unser erster Halt gilt Žernoseky. Die Steganlage des Segelclubs erscheint uns nicht so richtig geeignet. Doch ein Stück weiter gibt es eine Art Fähranlger, nur eine Fähre können wir nirgends sehen. Also machen wir hier fest und wandern in den Ort. Gleich hinter der ersten Brücke steht ein Wegweiser zu (höchstwahrscheinlich, ist er auf tschechisch) fünf Weinbauern. Frohen Mutes machen wir uns auf den Weg. Auch hier machen wir wieder die Erfahrung, dass das Thema Probierschlückchen in einem Land mit 0,0 Promille nicht mehrheitsfähig ist und kaufen ein paar Flaschen auf Verdacht.
Ein anderer Winzer zieht ziemlich geschlossen aus, hat aber einen gemütlichen Garten. Den merken wir uns für den Rückweg vor. Dann beeilen wir uns wieder an Bord zu kommen, bevor es Ärger gibt.
Zu Žernoseky gehört ein ehemaliger Baggersee, der von der Elbe aus erreichbar ist und einen Yachthafen hat. Wir drehen eine Runde auf dem von Weinbergen umgebenen See, verzichten jedoch auf die nähere Erkundung, weil wir uns noch Litomerice ansehen wollen, merken uns den See aber als Ankerplatz.
Litomerice – Geschichte und Technik
In Litomerice haben wir weniger Zeit als wir uns gewünscht hätten. Die Stadt ist hübsch, der Anleger nah. Wir bewundern die ausgeklügelte Hochwasser-Hebetechnik des Anlegers. Dass die Elbe staureguliert ist, heißt ja nicht, dass es hier niemals Hochwasser geben kann.
Von der kostenlosen 48-Stunden-Liegestelle legt mehrmals am Tag ein kleines Ausflugsboot ab. Es fährt über die Elbe in den Fluss Eger bis zur tschechischen Stadt Terezin, die in der NS-Zeit Theresienstadt hieß. Über 141.000 Menschen waren hier interniert, eine Gedenkstätte und ein Museum erinnern an ihr Leid.
In Roudnice ist der Anleger ein bisschen weiter weg vom Stadtzentrum. Erst geht es eine Treppe hoch, um die Stromlieferung zu aktivieren, dann nach anderthalb Kilometer Fußmarsch wäre das die Stadt überragende Schloss erreicht. Wäre, weil wir glücklicherweise nicht zu Fuß gehen müssen, sondern von Tomasz mit dem Auto abgeholt werden. Er hat schon einen Tisch in einer kleinen Gartenwirtschaft reserviert, immerhin können wir von Außen einen Blick auf der Schloss werfen und die historischen Türme der Stadt sehen. Die schöne Stahl-Fachwerkbrücke von 1910 ist von Gerüsten verhüllt und wegen Bauarbeiten gesperrt. Sie ersetzte eine Steinbogenbrücke, die im 14. Jahrhundert die erste Brücke war, die die böhmische Elbe überspannte.
Tag 10 – Roudnice bis Libechow und nach Nelahozeves
Am nächsten Morgen füllen wir den Diesel noch einmal bis zum Anschlag auf und tuckern weiter zu Berg.
Unser letzter Halt auf der Elbe gilt dem kleinen Stadtsteg von Libechov, wo es ein schönes Schloss gibt. Ich überlasse dem Gatten die schweißtreibende Wanderung und drehe lieber eine Schwimmrunde in der Elbe. Leider befinden wir uns sehr knapp unterhalb der Schleusen von Dolni Berkovice. Die Haltung zwischen hier und Steti ist mehr als zehn Kilometer lang, entsprechend stark ist die Strömung dicht am Wehr.
Dann ist es nur noch ein kleines Stück bis Melnik, wir biegen wieder in den Moldaukanal ein, fahren in die schöne alte Schleuse von Hořín. Aus der größeren Kammer kommt uns tatsächlich ein Flusskreuzfahrtschiff entgegen. Es ist die „Elbe Princess“, eines der wenigen Kabinenschiffe, die mit der geringen Wassertiefe klarkommen, weil sie mit Schaufelrädern statt Propellern ausgestattet sind.
Um 17 Uhr sind wir wieder in Nelahozeves fest. Es ist noch Zeit für eine Schwimmrunde in der Moldau und einen gemütlichen Plausch mit der Hafenchefin, die selbst einen kurzen Törn elbabwärts mit ihrem Boot gemacht hat.
Zum Abendessen haben wir einen Tisch in dem etwas schickerem Restaurant unterhalb des Schlosses von Nelahozeves reserviert. Wir werden nicht enttäuscht, genießen mehrere Gänge, schönen Wein und die schattige Sommerterrasse. Tschechien haben wir uns im wahrsten Sinne des Wortes schmecken lassen.
Text und Fotos: Dagmar Rockel-Kuhnle

















































